Straußberger Platz – Geschichte der Mieter

Unser Sommermärchen – Strausberger Platz 12 in Berlin

Am Pfingstsamstag 2019 kam ein Brief unserer Hausverwaltung. Davon ausgehend, dass es sich um die Mitteilung über einen Schadensersatz aufgrund des über 8 Monate dauernden Aufzugsausfall handeln würde, öffnete ich den Brief fast nebenbei und konnte nicht glauben, was ich las: meine Wohnung sollte verkauft werden.

Sofort war mir klar, dass das mit ziemlicher Sicherheit den Verlust der Wohnung bedeuten würde. “Meiner” Wohnung, die ich selbst saniert hatte und die wir – meine Tochter und ich – über alles liebten. Jeder Berliner kennt bzw. erlebte sogar die Geschichten von Zwangsauszügen von Freunden, Bekannten oder in der eigenen Familie. 

Gleichzeitig war mir auch klar, dass diese Mitteilung nicht nur allein meine Wohnung betreffen konnte. Denn unser gesamter Aufgang gehörte einem Eigentümer, die Wohnungen ähneln sich und warum sollte er ausgerechnet eine im dritten Stock verkaufen wollen?

Ich klingelte also bei meiner Nachbarin, die ging sofort zum Briefkasten und fand darin das gleiche Schreiben … Wir werden verkauft und sollen Besichtigungstermine mitteilen …

Und nun? Was sollten wir tun? Die Schockstarre hielt nicht lange an und wir wurden tätig.  Schnell waren wir uns einig, dass wir unsere Heimat, wozu auf jeden Fall auch unsere Hausgemeinschaft gehört, nicht so einfach hergeben wollen. So trafen wir uns gleich nach Pfingsten zum ersten Mal in einer der Wohnungen am Strausberger Platz 12 und begannen, Pläne zu schmieden: Keine weißen Bettlaken und kein Hoffest, was nicht etwa am fehlenden Hof lag! Wir wollten überlegt handeln, fair bleiben und alle Beteiligten ins Boot holen. So entstand auch die Idee unserer Suche nach einem „Investor mit Herz und wir einigten uns schnell darüber, wie wir vorgehen wollten. Zunächst galt es, den Makler (da wir etwas Zeit brauchten) und die Presse (für die öffentliche Teilung unserer Suchaktion) zu involvieren.  Also luden wir beide ein – und sie kamen. Aus unserer spontanen Idee wurde ein Plan und dieser ganz schnell real.  Der Makler verhandelte mit dem Eigentümer erfolgreich über etwas mehr Zeit für unsere Suche und die Medien unterstützten uns mit zahlreichen Vorort-Terminen und häufigen Berichten in Print, Funk und Fernsehen in aller Welt. Den gesamten Sommer über trafen wir uns immer wieder, gaben der Presse Auskunft, ermöglichten Besichtigungen, arbeiteten dem Makler zu und sorgten vor allem dafür, dass wir präsent blieben.

Trotz aller positiven Resonanz war uns immer bewusst, dass wir kein Einzelfall sind und vielleicht nach der berühmten „Nadel im Heuhaufen“ suchen. Andererseits glaubten wir aber immer auch an unsere Chance, diese Nadel tatsächlich zu finden. Wir gaben einfach nicht auf!

Sicher wurden wir auch wegen unseres “naiven Optimismus” belächelt. Nur wenige Außenstehende glaubten an den Erfolg unserer Suche. Wer kauft schon ein teures Haus mit relativ niedrigen Mieten!? Das entmutigte uns aber nicht wirklich und wir blieben aktiv. Wie wahnsinnig viel unsere Initiative Energie und Zeit fraß, merkten wir so richtig auch erst, als unser Investor dann wirklich vor uns stand.

In diesem Moment war die über Monate andauernde und Tag und Nacht präsente Angst, alles zu verlieren (alternative Wohnmöglichkeiten gibt es in der Nähe einfach nicht), vergessen. Vergessen waren die mitleidigen Blicke von Freunden und in der eigenen Familie, die auch nicht helfen konnten. Vergessen waren die vielen Menschen, die durch unsere Wohnungen spazierten und laut darüber nachdachten, wie sie ihre Möbel stellen würden, wenn wir nicht mehr da wären.

Dieser Moment war einfach unvergesslich, befreiend und sehr, sehr schön.

An dieser Stelle noch einmal ganz herzlichen Dank an alle, die auf unserer Seite standen und uns unterstützt haben. An erster Stelle ist das natürlich unser Investor und seine Familie. Danke sagen wir aber auch der Presse für ihre moralische und tatsächliche Unterstützung, dem Makler, der uns den Rücken frei hielt und sicherlich manchmal zwischen den Stühlen saß, aber zumindest moralisch vielleicht auch ein bisschen auf unserer Seite stand und danke an unsere tolle Hausgemeinschaft, die sich in dieser schweren Zeit gegenseitig so viel Kraft gespendet hat. Wir sind ein echtes Team und das werden wir bleiben.

Und jetzt haben wir unseren Grund zu feiern. Unser Fest findet statt und jeder leistet seinen Beitrag.

Schade, dass wir von der Berliner Politik fast komplett im Stich gelassen worden sind. Und dass, obwohl wir der einzige Aufgang am Strausberger Platz sind, der noch in einer Hand ist, und die Karl-Marx-Allee UNESCO-Weltkulturerbe werden soll. Vielleicht meldet sich ja doch noch einer von denen bei uns, jetzt, wo alles vorbei ist … Vielleicht zum Gratulieren!!!

Quelle: MieterInnen Straußberger Platz 12